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Ein Unfall gibt Einblick in ägyptische Werkstatt: Instandsetzen lässt sich fast alles…

Hassan Negah beim Feinschliff an einem Totalschaden…

Hassan Negah beim Feinschliff an einem Totalschaden…

Ein Februartag, morgens in Hurghada, Touristenort am Roten Meer. ZukunftBeruf hat dort im sogenannten Regierungsviertel ein Büro. Wir sind unterwegs zur Innenstadt, ein paar Deutsche zu treffen. Wir nehmen die Straße am Meer entlang. Plötzlich überholt uns rechts ein Taxi. Der Fahrer erkennt zu spät, dass die Autos, auf die er zurast, vor dem SeaView Hotel parken. Er zieht brutal rüber nach links, wir müssen bremsen. Ein zweites Taxi, das uns an der Stoßstange klebt, trifft uns mit knapp 50 km/h. Zum Glück sind wir angeschnallt. Alles gut, nur Blechschaden. Das erste Taxi, der eigentliche Unfallverursacher, macht sich aus dem Staub. Schnell sind Zeugen vor Ort, die dem Fahrer hinterherschimpfen. Aus dem zweiten Taxi pellt sich indessen ein junger Fahrer. Auch unverletzt, aber noch etwas benommen. Wenige Minuten später (der Menschenauflauf insgesamt hält sich in Grenzen, keine Gaffer, niemand, der mit dem Handy filmt) erscheint der Besitzer und hört sich die Geschichte an. Er stellt seinen Fahrer in den Senkel; zu dicht aufgefahren, dann noch telefoniert, wie sich herausstellt. Die Lage ist klar. Wer reinfährt, hat Schuld. Auf den anderen Fahrer wartet wegen Unfallflucht der Knast. Wir konnten noch ein Foto machen, als er abhaute. Nummernschild und Taxinummer sind gut lesbar.

Aber die Story entwickelt sich anders. Mr. Foki, so nennt sich der Besitzer, ist ein älterer Mann, dem zwei Taxis gehören. Vor einer Stunde hatte das andere einen Zusammenstoß und fällt erstmal aus. Sein zweites Taxi ist nach deutschen Maßstäben ein Trümmerhaufen. Kühlerhaube zerdrückt, Kotflügel und Scheinwerfer demoliert, Stoßstange hinüber, das Rad steht schief. Womöglich ist die Karosserie verzogen. Gerade will er uns erklären, dass er nicht versichert ist, als die Polizei kommt. Der Streifenwagen parkt direkt neben den Unfall-Fahrzeugen. Die Beamten haben dafür keinen Blick. Sie stürmen ins Hotel, dort gibt es Unstimmigkeiten mit Gästen. Für ein paar Minuten geraten wir alle in Vergessenheit. Bis die Beamten in ihr Auto steigen und abdüsen. Sie haben uns keines Blickes gewürdigt und damit signalisiert, was sie von einer Anzeige halten. Nämlich nichts. Das meinen auch Mr. Foki und einige der Zeugen. Anzeige bedeutet: Das Taxi wird erstmal für ein paar Wochen von der Straße genommen. Heißt vor allem: Verdienstausfall. Für den Fahrer und den Besitzer eine Existenzfrage. Reparatur erst machbar, wenn der Schrotthaufen freigegeben wird. Kosten: schätzungsweise 2.500 bis 4.000 Pfund. Der Schaden an unserem KIA Sportage wird sich auch um den Dreh bewegen. Der Euro wird aktuell mit 21 Pfund umgerechnet. Von daher müssen wir uns nicht aufregen, als der Vorschlag gemacht wird: Jeder trägt seinen eigenen Schaden. Und irgendwann trifft man sich zum Tee. Heftig diskutiert wird, ob der Taxifahrer, der flüchtete, ungeschoren davon kommen soll. Die Meinungen gehen auseinander. So einer gehört von der Straße, weil er eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt; auf der anderen Seite hat er vielleicht eine nette Frau und liebenswerte Kinder. Warum sollen die leiden, wenn der Vater Mist baut?

Da wir an diesem Morgen alle irgendwie lösungsorientiert drauf sind, schwört man sich ewige Freundschaft, und wir sitzen eine Stunde später in Costas Café mit Karim Gadallah zusammen. Er hat uns den Wagen verkauft, und er hat eine gute Werkstatt, die das ordentlich repariert: seine Werkstatt. Wir sind skeptisch, vor allem, wenn man sich die Autos so ansieht, die täglich durch die Straßen rauschen. Zerkratzt, verbeult, defekte Lichter, abgefahrene Rückspiegel, gebrochene Stoßfänger. Das alles mindert den Wert eines Fahrzeugs eher nicht, meint Karim. Für den Ägypter ist der Innenraum wichtig. Der Plastiküberzug vom Neukauf bleibt auf den Sitzen, bis die Sonne die Weichmacher herausgelöst hat und alles zerbröselt. Wir sind nicht gerade beruhigt. Bis wir vor der riesigen Halle stehen, im Gewerbegebiet von Hurghada, unweit der Traffic Police. Ein von Renault zugelassenes Service-Center, in dem die Autobesitzer hinter einer riesigen Glasscheibe sitzen und bei einem Tee beobachten können, wie ihr Auto zerlegt und wieder zusammengeschraubt wird.

Unser KIA wird auf einer Hebebühne begutachtet. Der Rahmen ist nicht verzogen. Kotflügel, Bremslicht, Stoßfänger sowie Schutz- und Befestigungselemente rund um das linke Hinterrad sind defekt. Eine Tür ist im unteren Bereich eingedrückt. Ein Viertel des Wagens muss neu lackiert werden, eine Metallic-Farbe. Als Hassan Negah, Spezialist für hoffnungslose Fälle, meint: „Musch muschkillah (kein Problem)“, stehen wir kurz vor dem Herzinfarkt. Den Stoßfänger könne man mit Hitze wieder formen, auch den Kotflügel. Die Ersatzteile kommen von KIA in Kairo zu KIA in Hurghada und von dort zu Renault. In vier, spätestens fünf Tagen, ist der Wagen wie neu.

Ein paar Stunden später erhalte ich den Kostenvoranschlag. Er liegt bei 4.800 Pfund, etwa 225 Euro (und genau das bezahlen wir später auch per VISA Card). Ich telefoniere mit KIA in Deutschland. Die neue Rückleuchte allein koste gut 112 Euro, genauso viel wie in Ägypten. Nach unseren Maßstäben würde ich um die 4.000 bis 4.500 Euro hinlegen müssen. Den günstigen Preis in Hurghada (für ägyptische Verhältnisse teuer) könne man sich nicht erklären. Nun, dieser Preis ist vor allem den Stundenlöhnen geschuldet, die umgerechnet zwischen 30 und 70 Cent pendeln, bei Monatsverdiensten, die sich zurzeit um die 2.000 bis 3.500 Pfund bewegen.

Karim Gadallah gehört das Center zusammen mit Achmed Negm. Vor vier Jahren ist er eingestiegen. Sie sind als offizielle Renault-Werkstatt gelistet, kümmern sich aber auch um andere Marken. Monatlich sind es 90 bis 100 Fahrzeuge, von kleineren Reparaturen über Inspektionen, schweren Schäden bis hin zu hoffnungslosen Fällen. Instandsetzen lässt sich fast alles.

Im Renault Service-Center geben an sieben Tagen die Woche zehn Arbeiter ihr Bestes. Von 10 Uhr morgens bis 18 Uhr am Abend. Die Pausen zum Beten und für die Mahlzeiten gehören dazu. Vier Jugendliche bildet man aktuell zum Kfz-Mechatroniker aus. Drei Jahre dauert das, in Kooperation mit einer Berufsschule, hier hat man entsprechende Verträge geschlossen. Zwei Tage Schule, die restliche Arbeitszeit im Betrieb. 500 Pfund, umgerechnet 23 Euro, beträgt das Lehrlingsgehalt. Aber die beiden Chefs stecken den Azubis immer mal wieder etwas dazu. Eine Krankenversicherung für die Mitarbeiter gibt es nicht, sie würde pro Person monatlich um die 5.000 Pfund kosten. Wenn in der Werkstatt ein Unfall passieren sollte, geht man direkt zum Arzt oder ins Krankenhaus und einigt sich mit den Ärzten.

Bliebe noch zu erwähnen, worüber wir uns unmittelbar vor dem Unfall unterhalten hatten. Wir waren auf der Suche nach einer Story zur 50. Ausgabe von ZukunftBeruf für die Metropolregion Rhein-Neckar gewesen. Voilà – das hier ist sie…