Kairos Kinder der Müllstadt:“Speak English with me, please!“

von Andreas Müller | 23 Februar 2019

Bildung in Ägypten steht für alle Familien an erster Stelle. Eltern erzählen uns, dass sie einen Zweitjob haben, um ihrem Nachwuchs Privatschulen zu ermöglichen. Die Kinder sind stolz, dass sie lernen dürfen und freuen sich, wenn sie mit sechs, sieben Jahren einen Ausländer auf Englisch begrüßen. „Speak English with me, please“, hören wir immer wieder. Die Eltern lächeln, weil sie wissen, die Mehrsprachigkeit ist ein wichtiger Schritt in die Globalisierung, die überall in der Gesellschaft ihre Spuren lässt.

Überall? Auch bei den Ärmsten der Armen? Die ohne jede Chance sind?

Was wäre, wenn wir spontan Müllkinder in Kairo besuchen? In der Metropole mit ihren rund 24 Millionen Bürgern gibt es mehrere Müllsiedlungen (man spricht von acht), in denen um die 80.000 bis 100.000 (von wem auch immer geschätzt, verlässliche Zahlen gibt es nicht) Müllmenschen, Zabbalin genannt, leben.

Ein kühler, sonniger Morgen Anfang Februar in Zamalek, dort, wo die Botschaften sind, die Reichen wohnen, ein morbider Charme den Besucher umweht. Vor unserem Hotel, dem Longchamps, treffen wir auf die Reiseführerin Rabab. Eigentlich hatten wir einen Museumsbesuch geplant. Wir schlagen die Müllstadt am Berg Mokkatam vor, unweit der Totenstadt.

Rabab ist sofort begeistert. Es gibt nicht viele Ausländer, die sich für das Leben ganz unten interessieren. Und so fahren wir mit unserem kleinen Bus zwanzig Minuten später wie selbstverständlich in eine andere Welt.

Die ersten Fotos machen wir versteckt aus dem Bus heraus, weil wir die Menschen nicht in ihrer Intimsphäre verletzen wollen. Wer will sich schon gern in einem Lebensumfeld aus Müll, im Elend, ablichten lassen (Bild 1 – 3). Doch schon wenig später werden wir mit Herzlichkeit und Offenheit überschüttet, niemand hat etwas gegen Fotos – im Gegenteil: Lächeln ist angesagt. Wenn die Gespräche auch zeigen, dass die Sorgen um die familiäre Existenz groß sind.

Auffällig: Die Autos sind sauber geputzt, obwohl sie haufenweise Abfall transportieren. Die Kinder sind mit Rucksäcken unterwegs zur Schule. Es gibt Straßen und Wege, wenn auch dürftig befestigt. Darunter gibt es ein Kanalsystem. Es gibt Häuser aus Stein, wo es früher Hütten aus Blech und Karton gab (Bild 4 – 6). Es gibt Strom. Es gibt Schweine und Hühner, die sich von Essensresten ernähren. Dass sich die Müllmenschen kein Fleisch leisten können, wie wir das u.a. bei Wikipedia gelesen haben, stimmt nicht, erfahren wir. Die ersten von ihnen kamen aus Oberägypten in der 40er Jahren – Bauern, die Landwirtschaft betrieben, um die eigene Familie zu ernähren. Es waren zumeist Kopten.

Das liest man auch auf Wikipedia:

„Die Müllmenschen sind überwiegend koptische Christen. Da Ägypten islamisch dominiert ist, haben sie mit vielen Benachteiligungen zu kämpfen. 2003 wurde eine zentrale Müllabfuhr eingerichtet, um den Müllmenschen ihre Lebensgrundlage zu entziehen.“

Wir wundern uns über die Formulierung. Wir haben – auch in der Müllstadt – mit Christen gesprochen. Sie fühlen sich in keiner Weise benachteiligt. Die neue ägyptische Verfassung benennt in ihrer Präambel die Christen als besonders schützenswerte Gemeinschaft, und stellt dabei den historischen Bezug zum Christuskind, zu Joseph und Maria her, die Ägypten seinerzeit aufgenommen habe. Und beim Lesen des Wikipedia-Textes fragt man sich, weshalb die Regierung extra eine teure Müllabfuhr aufbaut – nur, um Müllmenschen zu vernichten? Das passt nicht.

Das Müllaufkommen in Ländern wie Ägypten steigert sich überdimensional, nicht zuletzt durch den Massentourismus. Während die Moslembrüder nach der Ära Moubarak versprachen, das Problem in den Griff zu bekommen und nichts taten, bewegt sich unter der Regierung As Sisi einiges: Müllunternehmen sind großflächig dabei, tonnenweise Abfall zu sammeln und zu verarbeiten; und es bleibt tonnenweise Abfall für die Müllmenschen übrig, um damit Geld zu verdienen. Wären Häuser, verlegte Abfall- und Wasserrohre, Stromleitungen und Schulen im Müll möglich, wenn der Staat diesen Menschen angeblich die „Lebensgrundlage entziehen“ will?

Nochmal Wikipedia:

„Fleisch essen die Zabbalin nicht, denn es ist zu teuer. Auf den Tisch kommen Brot, Milch, Käse und Gemüse. Bis abends muss der Müll fertig sortiert und verladen sein, denn die Zabbalin brauchen diesen Platz zum Schlafen und Wohnen. Die Lebenserwartung der Zabbalin beträgt ca. 50 Jahre. Grund dafür ist die hohe Verletzungs- und Infektionsgefahr.“

Es stimmt, dass man sich beim Mülltrennen an Spritzen, Rasierklingen und Glasscherben übel verletzen kann; aber wir fragen uns, wie sich solche Texte insgesamt mit dem Recycling-Projekt der Assoziation for the Protection of the Environment (www.ape.org.eg) vereinbaren lassen, eine gemeinnützige Organisation, die Müllmenschen hilft, ein lebenswürdiges Leben zu führen und als Ziel die müllfreie Gesellschaft hat. Wieso besuchen z.B. Prinzessin Anne und die Sawiris-Familie das Projekt und helfen mit Spenden?

„Wir gehen mit diesen Menschen innovative Wege, um ihre Umwelt und ihre Lebensstandards zu verbessern“, sagt Nahed Shawky, eine der großen alten Damen der ersten Stunde (Bild 7, links, daneben Margret Müller-Kaufmann, Geschäftsführerin von ZukunftBeruf, und Rabab, unsere Reiseführerin). U.a. entwickle man umweltfreundliche Abfallentsorgungs- und Recyclingmethoden. Seit inzwischen über 25 Jahren zeige man, dass die ökologische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung zum Wohle aller Beteiligten Hand in Hand gehe.

Es ist eine weitgehend schmutzige Arbeit. Der faulende Müll (Essensreste werden an Tiere verfüttert) wird nach dem Sammeln in Plastik, Papier, Glas und Dosen sortiert. Dosenblech ist begehrt. Nachdem die Dosen aufgeschnitten sind, verkauft man das Blech an Händler, oder man stellt z.B. Lampen her, Designer-Ware, die in Geschäften teuer verkauft wird (Bild 8 und 9). Designerpreis-verdächtig sind auch Gürtel und Handtaschen aus den Öffnungsmechanismen von Cola-Dosen, den so genannten „bleibt-dran“-Verschlüssen, wie sie Coca-Cola seinerzeit bei der Einführung taufte (Bild 10 – 12).

Eselskarren, mit denen man von Haus zu Haus fährt, um den Abfall einzusammeln oder die Müllcontainer zu durchstöbern, bevor sie von den Müllfahrzeugen geleert werden, finden sich nur noch selten. Zumeist ist man mit Lastern oder Pickups unterwegs.

Das Projekt ape ist mit seinen Produktionsstätten mitten in der Müllstadt (die Ägypter selbst sprechen von Müllecke). Die erste Weberin, die uns begegnet, ist eine Muslima. Sie wohnt mit ihrem Mann und vier Kindern in einem der jüngst gebauten Wohnhäuser. Ungebildet, am Rande der Gesellschaft lernte sie zunächst Mathematik als Grundlage für das Weben und Nähen (Bild 13), entwickelte Selbstwertgefühl und verdient nun Geld, um den Kindern den Sprung in ein besseres Leben zu ermöglichen. Aktuell sind direkt beim Projekt gut 120 Frauen beschäftigt, und es interessiert sie nicht, wer Christin, wer Muslima ist. Sie sind krankenversichert, und die Kinder werden von Lehrkräften betreut. Alle Mitarbeiter stammen aus der Müllstadt, man organisiert sich weitgehend selbst. 40 Prozent des Stadtmülls landen bei den Müllsammlern, die über 85 Prozent des Abfalls in die Wiederverwertung führen.

So werden an den Webstühlen Stoffe hergestellt. Es entstehen Decken (Bild 14 zeigt eine Bettdecke, angefertigt nach dem Fliesenmuster im Café Naguib Mahfouz auf dem Bazar nahe der islamischen Altstadt, wo einst der gleichnamige berühmte ägyptische Schriftsteller verkehrte). Aus Abfallresten, die man zurechtschneidet, webt man großflächige Bezüge für Stühle (Bild 15 – 17).

Um einen solchen Stuhl aus Müll anzufertigen, benötigt man viel handwerkliches Geschick. Umgerechnet ca. 15 Euro kostet ein Stuhl. Kauft man ihn in einem extravaganten Geschäft in Zamalek, wo Bild 18 entstand, muss man 275 Euro hinblättern. Verdient sich da jemand mit dem Elend der Müllmenschen eine goldene Nase? Wir hoffen nicht. Und entdecken in einem anderen Geschäft Taschen, die bei ape genäht werden. Im Shop vor Ort kosten sie 65 Pfund, in Zamalek 120 Pfund (6 Euro). Der Preis hat sich hier über wenige Kilometer verdoppelt (Bild 19). Originell sind Taschen, Sitzhocker und Knuddeltiere, die aus Krawattenresten genäht werden (Bild 20 und 21).

Neben Allgemeinbildung erhalten die Frauen Fachwissen, um ihre Nähmaschinen und Webstühle zu reparieren. Ersatzteile dafür hat man auf Lager.

Ganz groß ist man in Sachen Papierhandwerk. Aus alten Illustrierten bastelt man Weihnachtsbäume (Bild 22 und 23), schreddert Büropapier, vermengt es mit Wasser und schöpft neues Papier (Bild 24 – 27), das vielfältig verarbeitet wird, u.a. mit Blüten zu Grußkarten, mit Leim zu Untersetzern, oder zu Ketten, die man mit Nespresso-Kapseln farblich verfeinert (Bild 28 – 30).

Nespresso erobert seit geraumer Zeit die reiche Schicht Ägyptens. Die Kaffee-Kapseln sind derart beliebt, dass man jetzt ein Kaffee-Werk bei Kairo für 420 Mitarbeiter baut. In den teuren Super-Märkten erhält man eine Kapsel für einen Euro. Die Müllsammler reinigen sie und basteln daraus u.a. Weihnachtsglöckchen und Handtaschen (Bild 31 – 33).

Im Laufe der Jahre haben sich viele Frauen selbstständig gemacht, etwa mit Stickereien (Bild 34 und 35), mit kleinen Webstühlen und Nähmaschinen, die sie daheim aufgebaut haben, wenn es der Platz zulässt. ape kauft ihnen die Ware ab und finanziert die Maschinen vor. Schmutzige Kinder haben wir nirgendwo gesehen. Und weil niemand wusste, dass wir kommen, konnte man auch nichts vorbereiten. Es ist beeindruckend, wie sauber und reinlich man mitten im Dreck leben kann. „Unsere Kinder sind unsere Zukunft“, sagt eine der Frauen. „Für sie geben wir alles.“ Und sie schickt uns auf den von bunt bemalten Autoreifen und mit Pflanzen in Farbeimern gesäumten Weg zum Fußballplatz (Bild 36).

Dort findet gerade Unterricht statt. Jungen und Mädchen lernen gemeinsam. Jedenfalls, bis wir Ausländer kommen. Und die Lehrerin sich in ihr Schicksal ergibt, denn wir wollen natürlich Fußball spielen (Bild 37). Und Gummibälle findet man in den Müllsäcken genug.

„Kommt“, sagt Rabab. „Lasst uns zur Totenstadt fahren. Dort leben Menschen zwischen den Gräbern“. Und wir sehen, dass es auch hier echte Chancen gibt, der bitteren Armut zu entfliehen. Wir lernen Hannah kennen (Bild 38), die Tochter von Mona, „Das Mädchen aus der Totenstadt“, nach dem gleichnamigen Buch von Gerhard Haase-Hindenberg (Heyne Verlag, 2008). Hannah, fröhlich, den Schalk im Nacken, intelligent, zeigt uns ihre Spielplätze, zeigt uns ihr Leben mit den Toten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Text & Bilder: Andreas Müller